Namenspatron

Die wenigsten Menschen denken wirklich; sie leben hauptsächlich aus ihren Vorstellungen und meinen, das wären Gedanken.

Albertus Magnus

 

Ein mittelalterlicher Intellektueller als Namenspatron eines modernen Gymnasiums?

Was zunächst befremdlich scheint, wird verständlich, ja sogar naheliegend, wenn man die vielfältigen Interessen Alberts selbst und den historischen Hintergrund seines Wirkens betrachtet.

Einführung in Leben und Denken des Albertus Magnus

Klischee vom "finsteren Mittelalter"

Wer sich mit der Geschichte des 13. Jahrhunderts, der Lebenszeit Alberts, befasst, wird das Klischee vom „finsteren“ Mittelalter bald als das entlarven, was es ist: eine naive Vorstellung der Moderne, die offenbar keinen Zugang mehr findet zu den Wurzeln ihrer eigenen Bildung und Kultur. Europa war im Hochmittelalter von mannigfachen Veränderungen und Aufbrüchen geprägt. Eine breite bäuerliche Schicht profitierte von besseren Anbaumethoden und technischen Innovationen; ursprünglich unfreie Dienstleute der Adligen konnten in den Ritterstand aufsteigen; immer weiter gespannte Handelsnetze ließen Kaufleute zu Wohlstand gelangen und viele Städte zu Handelszentren werden. Die Bevölkerung wuchs rasch, die Geldwirtschaft breitete sich aus, es entstanden die ersten Universitäten, in den Städten begannen Angehörige des Franziskaner- und des Dominikanerordens, sich um Arme, Kranke und Bedürftige zu kümmern.

Aufbruch in ein neues Bildungszeitalter

Auf dem Gebiet der Bildung und der Wissenschaften war bereits durch machtpolitische Auseinandersetzungen zwischen dem deutschem König und dem Papsttum eine neue Zeit eingeleitet worden - der sogenannte „Investiturstreit“ wurde wegweisend für das sich verändernde Verständnis von Wissenschaft und für das Aufkommen der dialektischen Argumentation. Vereinfacht gesagt, genügte es nun nicht mehr, sich auf traditionelle Autoritäten zu berufen und sie fleißig zu zitieren; vielmehr musste man sie kritisch prüfen und gegen Einwände verteidigen, um die eigene Position mit Argumenten zu untermauern.

Die Bildung wurde systematisiert und in ein umfassendes Wissenschaftsgebäude eingegliedert. Innerhalb der Einzelwissenschaften kamen neue Disziplinen hinzu. Ethik, Dialektik und Naturlehre gewannen an Bedeutung; Naturvorstellungen wurden sogar zur Erklärung des biblischen Schöpfungsberichts herangezogen, das Interesse am menschlichen Körper und an der Medizin wuchs. Zahlreiche theologische Streitfragen wurden in Form von öffentlichen Disputationen oder in schriftlichen Traktaten – allesamt freilich in lateinischer Sprache – behandelt. Außerdem entstand das Bedürfnis, überliefertes Wissen umfassend zu sammeln und zu gliedern. In zunehmendem Maß wurden Enzyklopädien, d. h. Zusammenstellungen ganzer Wissensgebiete, sowie sogenannte „Summen“ (systematisch gegliederte Gesamtdarstellungen) verfasst.

Glaube und Vernunft

Neu war auch die von den Geisteswissenschaftlern eingeführte Methode, ihre Erkenntnisse rational zu begründen. Zu dieser sogenannten scholastischen Methode, die Albertus Magnus meisterhaft beherrschte, gehörten vier Schritte:

Am Beginn stand die Lektüre eines Textes, worauf die Formulierung eines in der Regel theologisch-philosophischen Problems folgte, oft verbunden mit der Infragestellung überlieferten Wissens; die wissenschaftliche Diskussion dieses Problems in Form einer dialektischen Erörterung stellte den dritten Schritt und den Mittelpunkt des Erkenntnisprozesses dar. Am Ende wurde eine Lösung bzw. ein Ergebnis verkündet.

Wenngleich die scholastischen Gelehrten Theologen waren und mit ihrer Methode den Glauben stützen und vernunftgemäß begründen wollten, konnten sie bei konsequenter Argumentation in Widerspruch zu überlieferten Lehrmeinungen geraten – was ihrem wissenschaftlichen Eifer aber keinen Abbruch tat. Das Anliegen der Scholastik war die Vermehrung des Wissens und der Einsicht; Vernunft und Glaube waren die Mittel, um dies zu erreichen.

Neue Entdeckungen bei einem alten Griechen

Am Beginn des 13. Jahrhunderts diskutierte man in Gelehrtenkreisen über Werke des griechischen Philosophen Aristoteles, die von der Kirche verboten worden waren, da die Lehren des Aristoteles nicht mit den Aussagen der Bibel und den traditionellen Auffassungen der Kirchenväter harmonierten.

Albertus Magnus fand einen eigenen Weg, mit diesem Verbot umzugehen, als er am Beginn der 1240er Jahre an die Pariser Universität kam: Er betonte, dass man erst einmal nach dem Gegenstand fragen müsse, wenn man Theologie lehren wolle, und erkannte deren Besonderheit darin, dass die Prinzipien nicht der endlichen Vernunft unterlägen, sondern aus dem Glauben gewonnen seien. Für Albertus vereinte die Theologie das von verschiedenen philosophischen Teilbereichen Beschriebene in einer einzigen Wissenschaft.

Damit trennte er die Theologie von der Naturphilosophie und konnte die Natur als solche untersuchen, ohne mit kirchlichen Lehren in Widerspruch zu geraten. Nachdem die päpstliche Kurie entschieden hatte, die aristotelische Philosophie als Lehrgegenstand zuzulassen, war der Weg für ihre Integration in die westliche Gelehrtenwelt frei. Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von Aquin trugen entscheidend dazu bei, dass sich die wissenschaftliche Methode und die Erkenntnisse des Aristoteles unter den Gelehrten in ganz Europa verbreiteten.

War Albertus Magnus Naturwissenschaftler?

Die Naturbeobachtungen, welche Albertus in seinen Schriften festhielt, haben wiederholt Anlass dazu gegeben, ihn als Pionier der Naturwissenschaften zu rühmen – und seine theologisch-philosophische Grundhaltung dabei außer Acht zu lassen. Insofern ist es ein Missverständnis, in Albertus Magnus vorrangig einen Naturforscher zu sehen, auch wenn er, allerdings offiziell erst seit 1941, als
Schutzpatron der Naturwissenschaftler gilt. Vielmehr beruht sein Ansehen auf einem umfassenden Wissen in allen damals zum Bildungskanon gehörenden Fächern: Theologie, Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin. Schon die Zeitgenossen und Schüler erkannten dies, nannten ihn „den Großen“ (Magnus) und verliehen ihm den Ehrentitel eines „Universalgelehrten“ (doctor universalis).

Modern mutet die Methode an, mit der Albertus Wissen nicht nur gesammelt, sondern in ein System gebracht, kritisch verarbeitet und durch eigene Beobachtungen ergänzt hat. Nur am Rande sei angemerkt, dass Albertus nicht nur Patron der Naturwissenschaftler, sondern auch Schutzherr der Theologen, Philosophen, Studenten und Bergleute sowie seiner Geburtsstadt Lauingen ist.

Albertus Magnus – ein Pionier ganzheitlicher Bildung

Alberts Wissenschaftskonzept ist nur unter Berücksichtigung der ständigen Wechselwirkung zu seinem eigenen Leben verständlich. Er ging davon aus, dass der Mensch sich zeitlebens bilden müsse und dass intellektuelle Tätigkeit charakteristisch für die menschliche Existenz sei. Der Mensch definierte sich für ihn als Mensch durch die Vernunft und durch den freien Willen. Beide Elemente verstand Albertus aber nicht als Selbstzweck, sondern in ihrer dienenden Funktion: Der Mensch sollte nach dem sittlich Guten streben und die Wahrheit (in seiner Auffassung: Gott) erkennen. Der Erkenntnisprozess konnte nur durch wissenschaftliches Studium geschehen.

Alberts Vorstellung von Bildung war eine ganzheitliche und existenzielle: Der Mensch ist demnach nicht nur zu Einzelbeobachtungen in der Lage, sondern vermag die Gründe, Ursachen und allgemeine Prinzipien zu erkennen – bis hin zur Selbsterkenntnis und zum höchsten Glück.

Albertus Magnus selbst formulierte das folgendermaßen: „Der menschliche Intellekt (...), weil er der Intellekt der Seele ist, die durch Vorstellungsbilder angefüllt wird und durch die Sinne aufnimmt und verändert wird, ist mit Vorstellung und Sinneswahrnehmung verbunden. Deshalb beginnt er bei dem Licht, das mit Dunkel vermischt ist, und durch die bei sich vorgenommene Trennung gelangt er endlich zum reinen Erkennbaren; aus diesem Grund ist er in seinen Anfängen wie das Sehvermögen einer Eule.

Da aber die Erkenntnis dessen, was schon vorher vorhanden war, sein Licht im hohen Maß verstärkt, bewirkt er durch das Studium, dass er nicht mehr das Sehvermögen der Nachteule hat. Er kommt nämlich von einer verdunkelten Erkenntnis zum reinen Licht, und vom reinen Licht, das mit dem Sehvermögen verbunden ist, zum reinsten Licht, und stufenweise aufsteigend empfängt er es endlich in der Quelle des Lichts, so wie der Adler, der das Licht in der Sonnenscheibe beschaut. Und das ist die höchste Glückseligkeit; und darin endet das Verlangen, durch welches alle Menschen von Natur aus nach Wissen begehren“ (Metaphysica II 2; Übersetzung: Anzulewicz, S. 393f.).

Quellen

- Albertus Magnus und sein System der Wissenschaften. Schlüsseltexte in Übersetzung Lateinisch – Deutsch, hg. vom Albertus-Magnus-Institut. Eingeleitet, übersetzt und für den Druck vorbereitet von Hannes M ÖHLE u.a., Münster 2011.

- Albertus Magnus, Über den Menschen. De homine. Nach dem kritisch erstellten Text übersetzt und hg. von Henryk A NZULEWICZ und Joachim R. S ÖDER . Mit einem Geleitwort von Ludger Honnefelder. Einleitung und Literaturverzeichnis von Henryk Anzulewicz. Lateinisch – deutsch (Philosophische Bibliothek 531), Hamburg 2004.

- Albertus Magnus und der Ursprung der Universitätsidee. Die Begegnungen der Wissenschaftskulturen im 13. Jahrhundert und die Entdeckung des Konzepts der Bildung durch Wissenschaft, hg. von Ludger H ONNEFELDER , Berlin 2011 (darin insbesondere die Beiträge von Maria Burger und Henryk Anzulewicz).

- Marc-Aeilko A RIS , Albertus Magnus, in: Lateinische Lehrer Europas. Fünfzehn Portraits von Varro bis Erasmus von Rotterdam, hg. von Wolfram A X , Köln 2005, S. 313-330.

Wissenswertes über unseren Namenspatron

Die folgende Zusammenstellung basiert auf einem im Juni 2018 gehaltenen Vortrag.

Autorenteam: Elenia Marburger und Tessa Balzer (Juni 2018)

Fachliche Betreuung: Dr. Oliver Münsch

Bilder: Franka Busse (2019)

Albert als gelehrten Magister (Zeichnung: Franka Busse)

Aus den Mitteilungen

„Albertus Magnus – ein mittelalterlicher Intellektueller als Namenspatron eines modernen Gymna­siums“.

Unter dieser Überschrift hielten Tessa Balzer und Elenia Marburger im Caspar-Hedio-Haus der evangelischen Johannespfarrei Ettlingen einen Vortrag über Albertus Magnus. Die beiden Schülerinnen der Kursstufe 11, die sich über Wochen intensiv mit Alberts Persönlichkeit und Wirken beschäftigt hatten, stellten seine vielfältigen Interessen sowie den historischen Hintergrund seiner Lebenszeit im 13. Jahrhundert anschaulich dar.

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Albertus Magnus - ein mittelalterlicher Intellektueller als Namenspatron für ein modernes Gymnasium

1. Einführung

1.1 Wer war Albertus Magnus?

magnus in magia maior in philosophia maximus in theologia
magnus philosophus doctor exellentissimus doctor universalis

 

1.2 Kurzbeschreibung

  • Albert „der Große“
  • 1200 geboren in Lauingen
  • 1280 gestorben in Köln
  • Heiliger, Dominikaner, Bischof von Regensburg, Philosoph, Naturforscher
  • Kirchenlehrer (Lehrer des Thomas von Aquin)

1.3 Historischer Kontext: Voraussetzungen und Entwicklungen im 12./13. Jahrhundert:

  • Drei-Stände-Gesellschaft
  • Herausbildung des Ritterstandes; Burgenbau
  • rasches Bevölkerungswachstum führt zu vielen Städtegründungen
  • wirtschaftlicher Aufschwung (Dreifelderwirtschaft)
  • Städte als ökonomische und kulturelle Zentren
  • wachsendes Selbstbewusstsein der Bauern
  • neue Mönchsorden - Dominikaner und Franziskaner (Bettelorden)
  • politischer Konflikt Staufer ↔ Welfen
  • Bildung und Wissenschaften:
    • Domschulen und erste Universitäten
    • neues Verständnis der Wissenschaften
    • Vernunft und Glaube als Mittel zur Vermehrung der Einsichten

„Ich glaube, um zu verstehen“.

Anselm von Canterbury: Credo, ut intellegam

„Man darf nichts glauben, was man nicht zuvor verstanden hat“.

Petrus Abaelardus: Nihil credendum (est), nisi quod prius intellectum (est)

 

2. Alberts Biografie

2.1 Tabellarischer Lebenslauf

1200

Geburt in Lauingen
stammte aus schwäbischer Ministerialienfamilie

ab 1222

Studium in Padua (artes liberales, evtl. Medizin)
erwarb Kenntnisse ethischer und naturwissen-
schaftlicher Schriften des Aristoteles

1223

Eintritt in den Dominikanerorden
Theologiestudium in Köln

1233

lehrte an Ordensschulen
- bildete Mönche theologisch aus
- war Lektor
- arbeitete an eigenen Werken

1243/44

sein Ordensmeister schickte ihn an die Pariser Universität (Promotionsstudium)

1242-1245

Vollendung der Frühschriften (De sacramentis, De incarnatione, De resurrectione, De IV coaequaevis, De homine, De bono)

1245

Doktorwürde
lehrte Theologie in Paris

1248

Rückkehr nach Köln mit seinem Schüler Thomas von Aquin (Aufbau eines „Studium generale“)
Vorlesungen (u.a. über die „Nikomachische Ethik“ des Aristoteles)
Beginn der Kommentierung vieler Werke des Aristoteles und biblischer Bücher

1252

„Kleiner Schiedsspruch“ in Köln (Albert trat als Streitschlichter auf)

1254

Ernennung zum Provinzial (Oberaufseher) der Ordensprovinz Teutonia

1256/57

Aufenthalt an der päpstlichen Kurie in Anagni
Verteidigung des Dominikanerordens

1257/60

Entpflichtung vom Amt des Provinzials
Lektor in Köln
„Großer Schied“ (Albert erneut Streitschlichter)
Mitwirkung an einer neuen Studienordnung für Dominikaner (auch nichttheologische Fächer)

1260/62

Ernennung zum Bischof von Regensburg (auf Wunsch des Ordensgenerals)
- 1262 Entpflichtung vom Amt

1263

Papst Urban IV. ernannte ihn zum Kreuzzugsprediger für Deutschland

1264

Albert legte das Amt des Kreuzzugspredigers nieder

1264-1269

lebte in Würzburg, seit 1267 in Straßburg
lehrte an Klosterschulen der Dominikaner
verfasste weitere Schriften, vor allem Bibelkommentare

1270

Schlichter im Streit zwischen Erzbischof und Bürgern in Köln
dort Tätigkeit als Lehrer

1274

vermutlich Teilnahme am Konzil von Lyon

1277

verteidigte die Lehre seines Schülers Thomas von Aquin in Paris

1279

verfasste sein Testament

1280

Tod am 15. November
Beisetzung in der Kölner Dominikanerkirche

 

2.2 Seine wichtigsten Schriften:

  • De sacramentis (Sakramente)
  • De incarnatione (Menschwerdung Christi)
  • De resurrectione (Auferstehung)
  • De animalibus (Tiere)
  • De homine (Mensch)
  • De bono (Das Gute)
De homine

Mensch als seelisch-körperliches Wesen

  • Albert will beweisen, dass Körper, Sinne und Vernunft im Menschen nicht voneinander getrennt, sondern vereinigt sind.
  • philosophische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse, verbunden mit theologischer Auffassung vom Menschen → Anthropologie

1. Teil: Seele und Körper und deren Verbindung zur Ganzheit des Menschen
2. Teil: Paradies und irdischer Lebensraum

Hoher Bekanntheitsgrad des Werkes unter Zeitgenossen

De animalibus
  • umfangreichster Kommentar des Albertus zu einem Werk des Aristoteles
  • Albert benutzte, da er kein Griechisch konnte, eine lateinische Übersetzung der Vorlage
  • enthält genaue Beobachtungen zur Anatomie, zum Lebensraum und zum Verhalten vieler Tiere
  • untersucht Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen zwischen Mensch und Tier → Vorrangstellung des Menschen, der nicht nur Sinnenwesen, sondern auch Vernunftwesen ist
  • liefert Erkenntnisse über menschliche Natur und Verhalten

2.3 Seine wichtigsten Kommentare:

  • zu den „Sentenzen“ des Petrus Lombardus

  • zu allen damals bekannten Werken des Aristoteles

  • zu Büchern der Bibel2. Alberts Biografie: Werke

3. Alberts Denken

3.1 Ausgangssituation

Verbot von Aristoteles-Texten, da sie im Widerspruch zu Aussagen der Bibel und zu Augustinus standen
→ Albert überwand das Verbot, indem er zwischen Theologie als Wissenschaft (scientia) und Theologie als Lehre (doctrina) unterschied.

Theologie ...

  • wird aus dem Glauben gewonnen
  • ist Weisheit und freie Wissenschaft
  • ist nicht anderen Wissenschaften untergeordnet
  • vereint verschiedene philosophische Bereiche in einer Wissenschaft

Folge: Die wissenschaftliche Untersuchung der Natur ist möglich, ohne mit der Theologie in Widerspruch zu geraten!


3.2 Wie gelang es Albert, Glauben und Naturwissenschaft zu verknüpfen?

„In der Naturforschung haben wir nicht zu untersuchen, ob und wie der Schöpfer-Gott nach seinem vollkommen freien Willen durch unmittelbares Eingreifen sich seiner Geschöpfe bedient, um durch ein Wunder seine Allmacht kundzutun. Wir haben vielmehr einzig und allein zu erforschen, was im Bereich der Natur durch natureigene Kräfte auf natürliche Weise alles möglich ist.“

(De caelo et mundo I 4, 10 [Opera omnia V, 1, S. 103]; dt. in: R ÖD , Weg der Philosophie 1, S. 342)

„Wenn nun jemand einwendet, der Naturprozess könne dereinst durch Gottes Willen zum Stillstand kommen (...), dann halte ich dem entgegen, dass ich von Wundern Gottes nichts wissen will, solange ich Naturkunde betreibe.“

(De generatione et corruptione I 1, 22 [Opera omnia V, 2, S. 129]; dt. in: S ÖDER , Autorität, S. 136)3. Alberts Denken

3.3 Alberts Verständnis vom Menschen:

  • homo inquantum homo est solus intellectus → intellektuelle Tätigkeit ist charakteristisch für den Menschen
  • Vervollkommnung der Tugenden als Lebensaufgabe
  • Mensch ist definiert durch Vernunft und freien Willen
  • Erkenntnisprozess durch wissenschaftliches Studium
  • Selbsterkenntnis durch natürliche Wissbegierde (studiositas)
  • ganzheitliches und existenzielles Bildungskonzept

Parallelen zum heutigen Bildungsideal

4. Philosophische Grundlage:

4.1 Aristoteles

  • lebte 384-322 v. Chr. in Athen; Lehrer Alexanders des Großen
  • gründete eine eigene Schule (Lykeion)
  • befasste sich vor allem mit Logik und Naturlehre
  • kein Wissen ohne Begriffe; Hauptgegenstand: die Wirklichkeit
  • Systematisierung der Philosophie
  • Ziel allen Handelns ist die Vollkommenheit der Tugend

Ziel: Albertus Magnus versuchte, Aristoteles‘ rational-philosophisches Weltbild mit dem christlich-theologischen zu vereinen.

Durch den arabischsprachigen Gelehrten Averroes (1126-1198), der in Andalusien lebte und Aristoteles‘ Werk „Über die Seele“ kommentierte, sowie durch lateinische Übersetzungen seines Kommentars wurde die Philosophie des Aristoteles im Westen zugänglich.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wuchs das Interesse an Aristoteles, dessen Werke aber von der Kirche verboten worden waren, da sich seine Philosophie nicht mit der christlichen Lehre und den Gedanken des Kirchenvaters Augustinus vertrug.

Schließlich entschied der Papst, die Integration des griechisch-arabischen Wissens in die westliche Gelehrtenwelt zuzulassen. Dass diese Integration im Laufe des 13. Jahrhunderts gelang, war vor allem die Leistung des Albertus Magnus und des Thomas von Aquin.

4.2 Scholastik

  • viele Anregungen durch aristotelische Schriften
  • Vereinigung von Vernunft und Theologie
  • neue wissenschaftliche Methode zur Problemschöpfung, Denkanregung, Stellungnahme
     
    1. lectio: Lesung, Kommentierung eines Textes durch Magister
    2. quaestio: Infragestellung der Autorität
    3. disputatio: wissenschaftliche Erörterung des Für und Wider
    4. conclusio / solutio: Verkündung des Ergebnisses
       

„So ist der Intellektuelle, der sich der Scholastik bedient, nicht mehr ein einfacher Textinterpret, sondern ein Schöpfer von Problemen, die seine Überlegung heraus-
fordern, sein Denken anregen und ihn zu einer Stellungnahme veranlassen.“
(L E G OFF , Hochmittelalter, S. 258)

5. Fazit: Mensch, Bildung und Wissenschaft bei Albertus Magnus

  • Der Mensch muss sich lebenslang bilden; intellektuelle Tätigkeit ist charakteristisch für die menschliche Existenz.
  • Ziel des Menschen ist das sittlich Gute; die Pefektion der Tugenden wird erreicht durch Erfahrung und praktisches Handeln.
  • Leib und Seele konstituieren die menschliche Natur.
  • Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein Prozess, in dessen Verlauf der Mensch von Sinneseindrücken zu abstrakten Verstandesbegriffen gelangt; dies geschieht durch wissenschaftliches Studium.
  • Alberts Vorstellung von Bildung ist eine ganzheitliche und existenzielle: Der Mensch ist nicht nur zu Einzelbeobachtungen fähig, sondern kann auch Ursachen und allgemeine Prinzipien erkennen.
  • Im Erkenntnisprozess schreitet der Mensch fort zur Selbsterkenntnis, womit sich sein natürliches Verlangen nach Wissen (so schon Aristoteles!) erfüllt, und zum höchsten Glück.
  • Mit dem Wissenschaftsbegriff des Aristoteles gelangte Albert zu einer neuen Konzeption der Theologie. Zugleich systematisierte er die Wissenschaften, begründete sie theoretisch, erschloss einzelne Disziplinen und beeinflusste deren Entwicklung.
  • Albert forderte die Freiheit der Forschung und erkannte jeder Disziplin einen Eigenwert zu.

Erstmals in der Geschichte des abendländischen Denkens beschrieb er das Prinzip der Wissenschaftlichkeit für die Suche nach der Wahrheit:

„In Fragen des Glaubens und der Sitten muss man Augustinus mehr glauben als den Philosophen, wenn beide uneins sind; aber wenn wir von Medizin reden, halte ich mich an Galen und Hippokrates; wenn es um die Natur der Dinge geht, wende ich mich an Aristoteles oder an einen anderen, der sich auf diesem Gebiet auskennt.“

(Super II Sententiarum, distinctio 13 a. 2; dt. in: C HENU , Thomas von Aquin, S. 26)

6. Nachwirkung

  • Schon Zeitgenossen und Schüler Alberts nannten ihn „den Großen“ und verliehen ihm den Ehrentitel doctor universalis.
  • Für den Verfasser des Magnum Chronicon Belgicum aus dem späten 15. Jahrhundert war Albertus magnus in magia, maior in philosophia, maximus in theologia (magia = Naturwissenschaften, speziell die Alchemie). Albert wird an erster Stelle unter den Gelehrten des 13. Jahrhunderts genannt und als doctor excellentissimus und magnus philosophus bezeichnet.
  • Im 15. Jahrhundert wurde Albert in der Kölner Region verehrt, 1622 von Papst Gregor XV. seliggesprochen.
  • Die Heiligsprechung Alberts nahm Papst Pius XI. 1931 vor, der ihn auch zum Kirchenlehrer erhob.
  • Seit 1941 gilt Albert als Schutzpatron der Naturwissenschaftler. Zugleich wird er auch als Patron der Theologen, Philosophen, Studenten und Bergleute sowie seiner Geburtsstadt Lauingen verehrt.

Zitate über Albert Magnus

Die Zitate des Papstes über Albertus Magnus stammen aus der Bulle In thesauris sapientiae Papst Pius XI. zur Heiligsprechung des Albertus Magnus vom 16. Dezember 1931
lateinischer Text: Acta Apostolicae Sedis. Bd. 24, Città del Vaticano 1932, S. 1-17.

Übersetzung A: Bulle Papst Pius XI. über die Heiligsprechung Alberts des Großen, Vechta 1932, S. 1-16 (online unter http://www.kathpedia.com/index.php?title=In_thesauris_sapientiae [13.03.2019];

Übersetzung B: Oliver Münsch

1) Ipse suo praeclarissimo exemplo omnes admonet, inter scientiam et fidem, veritatem inter et bonum, inter doctrinam et sanctitatem, nullam exsistere oppositionem, intimam potius cohaesionem adesse.

A Albert „ist allen ein mahnendes, hell strahlendes Vorbild, dass Wissenschaft und Glauben, Wahrheit und Güte, Heiligkeit und Gelehrsamkeit sich nicht widersprechen, sondern dass zwischen ihnen ein tiefinnerlicher Zusammenhang besteht.“

B Albert „mahnt alle durch sein eigenes, hell leuchtendes Vorbild, dass zwischen Wissenschaft und Glauben, zwischen der Wahrheit und dem Guten, zwischen Gelehrsamkeit und Heiligkeit kein Gegensatz besteht, sondern vielmehr ein sehr enger Zusammenhang.“

2) Sed ad spiritualia et supernaturalia ascendit, omnium scientiarum concordem, iuxta tamen subiecta varie sibi subordinata, coordinationem statuens, ab inanimatis ad viventia, a viventibus ad spirituales creaturas, a spiritibus ad Deum mire progrediens.

A „Geradlinig steigt er empor zur Welt des Geistigen und Übernatürlichen und stellt so die harmonische Einheit aller Wissenschaften her, ordnet sie nach ihrem Gegenstand und weist in wunderbarer Weise aufwärts, vom Unbelebten zum Belebten, vom Belebten zum Geistwesen, und vom Geistwesen zu Gott.“

B „Zum Geistigen und Übernatürlichen stieg er hinauf, stellte dabei die harmonische Einheit aller Wissenschaften her, nachdem er sie weiter unterteilt und so geordnet hatte, und schritt auf wunderbare Weise voran vom Unbelebten zum Belebten, vom Belebten zu den vom Geist erfüllten Wesen und von den Geistwesen zu Gott.“

3) Igitur ad fores sapientiae excubans, ita inter aequales excelluit, ut omnium saecularium scientiarum vertices facillime apprehenderet.

A „In seinem Wissensdrang übertraf er alle seine Zeitgenossen und erklomm die höchsten Gipfel der weltlichen Wissenschaft.“

B „Folglich hielt er Wache an den Türen der Weisheit und ragte so unter seinen Zeitgenossen heraus, dass er die Gipfel aller weltlichen Wissenschaften sehr leicht erreichte.“

4) Hoc autem potissimum est mentione dignum, quod veteris quemque sapientiae florem laboriosissimo studio ipse collegit, et quidquid veritatis humana ratio innata vi acute investigaverat, expurgatis quidem erroribus, subtiliter meditatus est, atque ad fidei veritatem illustrandam eamque a variis impugnationibus tuendam saepe feliciter adhibuit.

A „Vor allem aber ist es Alberts Verdienst, die Ergebnisse der alten Philosophie mit ganz außerordentlicher Mühe und Umsicht gesammelt zu haben. Er hat sie sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, von Irrtümern befreit und in geschickter Weise zur Begründung und Verteidigung der Glaubenswahrheiten herangezogen.“

B „Vor allem aber ist erwähnenswert, dass er jede Blüte der alten Weisheit mit überaus großem Arbeitseifer sammelte und dass er, was auch immer an Wahrheit die menschliche Vernunft durch ihre angeborene Kraft scharfsinnig erforscht hatte, von Irrtümern reinigte, dann gründlich überdachte und oft zur Erläuterung der Glaubenswahrheit sowie zu ihrer Verteidigung gegen vielfältige Angriffe in glückbringender Weise heranzog.“

Als Universitäts- und Klosterschullehrer erkannte Albertus Magnus den Wert des gemeinschaftlichen Lernens, das er selbst einmal so beschrieb:

„In angenehmer Gemeinschaftsarbeit die Wahrheit suchen“

Im lateinischen Original heißt es in "dulcedine societatis quaerere veritatem."

Commentarius in Aristotelis libros Politicorum, VIII 804

Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass Albertus Magnus zum Namenspatron von Gymnasien und Bildungseinrichtungen wurde – und das nicht nur in Ettlingen, sondern auch in Köln, St. Ingbert, Stuttgart, Regensburg, Viernheim, Bensberg, Friesoythe, Viersen-Dülken, Rottweil, Beckum, Bologna, San Sebastián, Bordeaux, Santiago de Chile ...

Quellen

Quellen und Literatur zu Albertus Magnus

Albertus Magnus, Über den Menschen. De homine. Nach dem kritisch erstellten Text übersetzt und hg. von Henryk ANZULEWICZ und Joachim R. SÖDER . Lateinisch – deutsch (Philosophische Bibliothek 531), Hamburg 2004.

Albertus Magnus. Ausstellung zum 700. Todestag, hg. vom Historischen Archiv der Stadt Köln, Köln 1980.

ANZULEWICZ , Henryk, Alberts Konzept der Bildung durch Wissenschaft, in: Albertus Magnus und der Ursprungder Universitätsidee. Die Begegnungen der Wissenschaftskulturen im 13. Jahrhundert und die Entdeckung des Konzepts der Bildung durch Wissenschaft, hg. von Ludger HONNEFELDER , Berlin 2011, S. 382-
397.

ARIS , Marc-Aeilko, Albertus Magnus, in: Lateinische Lehrer Europas. Fünfzehn Portraits von Varro bis Erasmus von Rotterdam, hg. von Wolfram A X , Köln 2005, S. 313-330.

BURGER, Maria, Albertus Magnus. Theologie als Wissenschaft unter der Herausforderung aristotelisch-arabischer Wissenschaftstheorie, in: Albertus Magnus und der Ursprung der Universitätsidee, hg. von Ludger

HONNEFELDER , Berlin 2011, S. 97-114.

CHENU , M.-Dominique, Thomas von Aquin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1960.

FLASCH , Kurt, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, 3. unveränderte Aufl., Darmstadt 1994.

GOETZ , Hans-Werner, Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im hohen Mittelalter, Berlin 1999.

KIMPEL , Sabine, Artikel „Albert der Große (Albertus Magnus)“, in: Lexikon der christlichen Ikonographie. Bd. 5, Freiburg 1973 [ND: 1994], Sp. 71-73.

KÖHLER , Theodor W., Der Tiervergleich als philosophisch-anthropologisches Schlüsselparadigma – der Beitrag Alberts des Großen, in: Albertus Magnus. Zum Gedenken nach 800 Jahren: Neue Zugänge, Aspekte und Perspektiven, hg. von Walter SENNER OP, Berlin 2001, S. 437-454.

KÜBEL , Wilhelm u. a., Artikel „Albertus Magnus“, in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 1, München – Zürich 1980, Sp. 294-299.

LE GOFF , Jacques, Das Hochmittelalter (Fischer Weltgeschichte, Bd. 2), Frankfurt/Main 1965.8. Quellen und Literatur zu Albertus Magnus

RÖD , Wolfgang, Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Bd. 1: Altertum, Mittelalter, Renaissance, München 2000.

SÖDER , Joachim R., Autorität und Argument. Zur Aristoteles-Rezeption im Mittelalter, in: Autor – Autorisation – Authentizität, hg. von Thomas BEIN u.a., Tübingen 2004, S. 131-138.

Digitale Quellen und Bilder

www.albertus-magnus.institut.de

www.spektrum.de/magazin/albertus-magnus-der-grosse-neugierige/830312

www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/A/Seiten/AlbertusMagnus.aspx

2018.amgettlingen.de/thamm/albertusmagnus/

Webprojekt 2009/2010

Wissenswertes und Informatives zu unserem Namenspatron Albertus Magnus finden Sie hier in einem vor einigen Jahren von Herrn Thamm und der bg-creativ-ag in Gemeinschaftsarbeit erstellten Webprojekt:

2018.amgettlingen.de/thamm/albertusmagnus/

 

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